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Hunderttausende Tote in Haiti befürchtet

Von Bill Van Auken - 15. Januar 2010 - wsws.org


Das Erdbeben, das die Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince, verwüstet hat, könnte hunderttausende Todesopfer fordern, teilten Politiker des Landes am Mittwoch mit. Die Bewohner der Stadt suchten in den Trümmern nach Überlebenden und reihten die Leichen überall am Straßenrand auf.

Das Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Richterskala war das verheerendste in der verarmten karibischen Inselnation seit 240 Jahren. Das Epizentrum des Bebens befand sich nur fünfzehn Kilometer von Port-au-Prince, einer Stadt von zwei Millionen Einwohnern, entfernt. Sein Ursprung befand sich nahe an der Erdoberfläche. Das ist der Grund, warum es solche enormen Schäden verursachte.

Tausende Gebäude fielen in sich zusammen, ob Wellblechhütten, Schulen oder Ministerien. Der Präsidentenpalast war genau so betroffen wie das fünfstöckige Hotel Christoph, das der im Land stationierten UN-Friedenstruppe als Hauptquartier dient. Viele Einwohner hielten sich in den Gebäuden auf. Mehreren Schätzungen zufolge sind 75 Prozent der Gebäude der Stadt nur noch Trümmerhaufen.

"Es gibt mehr als hunderttausend Tote", sagte Felix Augustin, der Generalkonsul Haitis bei den Vereinten Nationen, am Mittwoch gegenüber Reportern.

Der Ministerpräsident Haitis, Jean-Max Bellerive, sagte auf CNN, es könnten "Hunderttausende getötet worden sein".

"Weil im Moment so viele Menschen auf den Straßen sind, können wir nicht genau sagen, wo sie gewohnt haben. Aber viele, viele Gebäude, ganze Wohnviertel sind völlig zerstört. In einigen Stadtteilen sind gar keine Menschen mehr zu sehen", wurde Bellerive von CNN zitiert.

Gary Tuchman von CNN, einer der ersten amerikanischen Reporter vor Ort, berichtete über ganze Reihen von mit Tüchern bedeckten Leichen entlang den Straßen und "ganze LKW-Ladungen voller Körper".

"Es gibt absolut keine Polizei, Feuerwehr oder Hilfsdienste im Katastrophengebiet, während die Suche nach Überlebenden weitergeht", sagte er. Verzweifelte Zivilisten durchsuchten die Trümmer mit bloßen Händen auf der Suche nach eingeschlossenen Überlebenden.

Die Nachrichtenagentur Reuters beschrieb die Szenerie in Port-au-Prince folgendermaßen: "Schluchzende und traumatisierte Menschen irrten auf den Straßen von Port-au-Prince umher. Stimmen waren aus den Trümmern zuhören. ‘Bitte, holt mich raus, ich sterbe. Ich habe zwei Kinder bei mir’, rief eine Frau einem Journalisten von Reuters aus einem eingestürzten Kindergarten im Stadtteil Canape-Vert der Hauptstadt entgegen."

Eine besonders grausige Folge des Erdbebens ist die Zerstörung aller Krankenhäuser der Stadt. Wie Ärzte ohne Grenzen berichten, sind alle drei Einrichtungen, in die sie normalerweise Patienten einweisen, so schwer beschädigt, dass sie unbenutzbar sind.

"Ohne diese Infrastruktur können wir wenig für die Menschen tun", sagte der Sprecher der Gruppe in Toronto. "Bestenfalls können wir im Moment erste Hilfe leisten und die Patienten stabilisieren. Wir haben es mit schweren Traumata zu tun - Kopfverletzungen, gebrochene Gliedmaßen. Das sind ernste Verletzungen, die wir im Moment ohne die entsprechende Infrastruktur nicht adäquat versorgen können."

Das Rote Kreuz in Haiti berichtet, dass ihm die Medikamente ausgegangen seien. Die Organisation schätzt, dass etwa drei Millionen Haitianer von der Tragödie betroffen sind.

Währenddessen erschüttern Nachbeben weiterhin die Stadt und die Umgebung.

"Experten befürchten, dass das Schlimmste für Haiti noch bevorstehen könnte", berichtete die Londoner Finacial Times. "’Es wird noch wochenlang Nachbeben geben’, sagte David Kerridge, Chef der Abteilung für Geologische Gefahren bei der British Geological Society; ’Es könnte leicht zu Erdrutschen kommen, die in abgelegenen Gegenden der Insel möglicherweise viele Opfer kosten’."

Das Erdbeben ist die jüngste und schwerste einer ganzen Reihe von Naturkatastrophen, die Haiti in letzter Zeit heimgesucht haben. Das Land hat sich noch nicht von vier Hurrikanen und Tropenstürmen erholt, die 2008 über das Land hinweggefegt sind.

Diese Naturkatastrophen kommen noch zu der Katastrophe hinzu, die der Kapitalismus und mehr als hundert Jahre imperialistischer Unterdrückung in diesem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre angerichtet haben. All dies verstärkt noch die Auswirkungen der Naturkatastrophen.

Haitis Bruttoinlandsprodukt betrug 2008 sieben Mrd. Dollar, das ist etwa ein Drittel der Summe, die die Wall Street Investmentbank Goldman Sachs zum Jahresende allein für Boni ausgeschüttet hat. Den Zahlen der Weltbank zufolge muss mehr als die Hälfte der Bevölkerung Haitis von weniger als einem Dollar am Tag leben, und Zweidrittel müssen von weniger als zwei Dollar leben.

Die Lebenserwartung von Männern beträgt in Haiti kaum mehr als fünfzig Jahre.

Stromausfälle waren in Haiti auch vor der Katastrophe schon an der Tagesordnung. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge hat keine einzige Stadt in Haiti ein öffentliches Abwassersystem, und die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Jetzt gibt es gar keine Elektrizität und kein Telefon mehr, und die Trinkwasservorräte gehen in vielen Gegenden zur Neige. Infektionskrankheiten könnten viele weitere Opfer fordern.

Schon 2004 wies das Sekretariat der Vereinten Nationen, das sich mit Katastrophenhilfe befasst, auf diesen kumulativen Effekt von Naturkatastrophen und sozioökonomischem Elend hin.

Die Folgen solcher Bedrohungen sind für Haiti viel größer, weil die Menschen dort viel weniger geschützt sind. Schnelle Verstädterung, fehlende Landverwaltung, die Ausbeutung der Wälder durch die Produktion von Holzkohle und die dadurch bedingte Waldvernichtung machen Haiti für Schlammlawinen besonders anfällig.

Der Leiter des Sekretariats, Salvano Briceno, sagte damals: "Haiti kommen viele Risiken zusammen, und irgendwann muss es zum Ausbruch kommen. Das Anwachsen von Risiken in Haiti wurde in einem Ausmaß zugelassen, dass jede Naturkatastrophe zu einem großen Desaster führen muss."

Er drängte internationale Hilfsorganisationen und die Regierungen der Welt, Haiti beim Aufbau seiner Infrastruktur zu helfen, damit es besser auf Naturkatastrophen vorbereitet wäre, anstatt auf Hilfe danach angewiesen zu sein.

Stattdessen schickten die Vereinten Nationen Tausende Soldaten unter der Führung der brasilianischen Armee, um das verarmte Land zu besetzen und für "Ruhe und Ordnung" zu sorgen, nachdem die USA einen Putsch zum Sturz des gewählten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide unterstützt hatten. Etwa 8.000 Haitianer wurden unter dem Putschregime getötet, viele von rechten Milizen, die teilweise von der CIA ausgebildet worden waren.

Das war die letzte in einer langen Reihe von amerikanischen Interventionen, die das Ziel verfolgten, Washingtons Vorherrschaft in dem Land zu erhalten und jede Bewegung der Massen zur Beseitigung der diktatorischen sozialen und ökonomischen Ordnung zu unterdrücken.

Amerikanisches Militär hielt das Land von 1915 bis 1935 besetzt und wurde erst nach dem Aufbau einer Armee abgezogen, die das politische Leben im Land für weitere Jahrzehnte in eisernem Griff hielt. Später unterstützte Washington die 30-jährige Diktatur der Duvaliers -Papa Doc und Baby Doc -, die Zehntausende Opfer forderte.

Die amerikanischen Medien interessieren sich nicht für diese Geschichte. Die Armut in Haiti wird einfach als gegebene Tatsache behandelt, an der letztlich die Haitianer selbst Schuld sind. (Der Fernsehprediger Pat Robertson, Gründer der Christlichen Koalition und Führungsfigur der Christlichen Rechten, bot noch eine eigene Erklärung. Er vertrat die Ansicht, dass die Haitianer sich nur von der französischen Herrschaft befreien, die Sklaverei abschütteln und die erste schwarze Republik gründen konnten, weil sie einen Pakt mit dem Teufel eingegangen seien. Und dafür würden sie seitdem bestraft.)

Präsident Barack Obama gab am Mittwoch eine scheinheilige Erklärung zur Katastrophe in Haiti ab.

"Die Berichte und Bilder von eingestürzten Krankenhäusern, zerstörten Wohnhäusern und Männern und Frauen, die ihre verletzten Nachbarn durch die Straßen tragen, sind wirklich Herz zerreißend", sagte er. "Für ein Land und ein Volk, das so häufig von Härten und Leiden heimgesucht wird, scheint diese Tragödie besonders grausam und unbegreiflich." Das Desaster in Haiti "erinnert uns an unsere gemeinsame Existenz als Menschheit", fügte er hinzu.

Um ein solches Gefühl "gemeinsamer Menschheit" zu entwickeln hätte, er nicht auf ein Beben der Stärke 7 in Port-au-Prince warten müssen. Ähnliche Bilder hätte er in Pakistan sehen können, wo Predator-Drohnen Häuser und Dörfer zerstören, oder in Afghanistan und im Jemen, wo sie von amerikanischen Bomben zerstört werden, ganz zu schweigen von Tod und Zerstörung, die das amerikanische Militär über den Irak gebracht hat.

Die US-Regierung reagiert auf die Katastrophe in Haiti im Wesentlich auf militärische Weise. Vor Ort trafen zuerst Schiffe der Küstenwache ein, die normalerweise haitianische Flüchtlinge abfangen müssen, die den schlimmen Bedingungen in ihrem Land zu entfliehen versuchen.

Der Küstenwache sollen der Flugzeugträger USS Vinson und andere Kriegsschiffe folgen. Geplant ist auch - schon wieder - die Entsendung von amerikanischen Truppen in das Land.

Der Chef des US-Südkommandos, General Douglas Fraser, sagte Reportern am Mittwoch, das Militär habe "mehrere Kräfte aus dem Umfeld der Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt". Er fügte hinzu, dass das Militär möglicherweise "ein großes amphibisches Schiff mit einem Expeditionscorps der Marine an Bord entsenden" werde. CBS News berichtete, dieser Einsatz werde "aus Sicherheitsgründen" vorbereitet.

Im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des Imperialismus, wies die deutsche Revolutionärin Rosa Luxemburg auf den starken Kontrast zwischen dem humanitären Gehabe der imperialistischen Mächte angesichts von Naturkatastrophen und ihrer Brutalität bei der Niederschlagung von Widerstand gegen ihre Vorherrschaft hin.

Damals war Mount Pelee auf der Insel Martinique ausgebrochen. Dabei kamen 40.000 Menschen um.

Luxemburg zählte die Massaker an Afrikanern durch die Briten, an Filipinos durch die Amerikaner und an Kolonialvölkern in anderen Ländern durch alle Großmächte auf und schrieb:

"Und nun sind sie alle auf Martinique, wieder ein Herz und eine Seele, sie helfen, retten, trocknen Tränen und fluchen dem unglücksäenden Vulkan. Mont Pelée, du gutmütiger Riese, du kannst lachen, mit Ekel kannst du herniederschauen auf diese mildtätigen Mörder, auf diese weinenden Raubtiere, auf diese Bestien im Samariterkleid. Aber es kommt ein Tag, wo ein anderer Vulkan seine Donnerstimme erhebt, ein Vulkan, in dem es brodelt und kocht, ob sie auch des nicht achten, und vom Erdboden fegt die ganze scheinheilige, blutbefleckte Kultur."